Fußball /  Baden-Württemberg

am 09.03.10 von fussball-hd.de

07.03.2010 - Hoffenheim beim 0 :1 wie fade Tiefkühlpizza, Mainz à la Bancé

1899 „krönt“ seine Heimschwäche und gewährt dem 1. FSV 05 den zweiten Auswärtssieg. Sinsheim. Akute Heimschwäche gegen chronische Auswärtsschwäche. Oberlehrer Ralf Rangnick gegen Musterschüler Thomas Tuchel. Oder – frei nach SC Freiburg-Psychologe Robin Dutt - Tabellenführer der zweiten Hälfte (Platz 10) gegen den Verfolger (Platz 11.). Ein Etikett wird aus dieser Vorratsdatenspeicherung gelöscht: Der 1. FSV Mainz 05 gewinnt erstmals nach einem halben Jahr fernab vom heimischen Bruchweg und rückt auf Platz 9 vor. Hoffenheim nimmt den Mainzer Rang 11 ein. Für die Zuschauer, von denen etliche die antarktische Rhein-Neckar-Arena weit vor dem Schlusspfiff in Scharen verlassen, bleibt die kalte Ernüchterung: Gourmetfußball à la Hoffenheim adieu. Bonjours tristesse! Kulinarisch gesehen, glich das Südwestderby einer faden Tiefkühlpizza, die im ersten Ofengang fast keinen Belag und im zweiten nur ein paarscharfe Peperonischoten zu bieten hatte. Den Initiativpreis für kreativen Angriffsfußball hat an diesem bitterkalten Sonntagabend keines der beiden Teams verdient. Allerdings wäre dies auch eher der Part des Gastgebers gewesen. Doch der einzige, der in der Hoffenheimer Schaltzentrale die Initiative ergriff, war der nach langer Verletzungspause in die Startformation zurück gekehrte – und von seinem Trainer Ralf Rangnick nach getaner Arbeit zu Recht gelobte – Mittelfelddynamo Tobias Weis. Der ging beherzt in die Zweikämpfe und war wie ein Nomade in der Kraichgauer Wüste ständig unterwegs. Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr als der Ball ins Tor: Kein Initiativpreis für kreativen Angriffsfußball Für den von Thomas Tuchel taktisch glänzend gebrieften, mit Hirn und Kalkül agierenden FSV Mainz 05 demonstrierte Eugen Polansiki immerhin zweimal (18./39.) seine feine Schusstechnik. 1899 hatte die dickste Möglichkeit in der 24. Minute. Nach giftiger Vorarbeit von Tobias Weis steht Vedad Ibisevic auf der linken Strafraumseite völlig frei. Doch der bosnische Nationalspieler, am Mittwoch noch für sein Land kalt wie eine Eisbärschnauze beim Abschluss, jagt das Ding ohne jegliche Feinjustierung über die Mainzer Abendlatte. Der klug organisierte, seine taktische Grundordnung geschickt variierende Gast hat vorne aber auch nur ein schlichtes, aber wirksames rheinhessisches Rezept: Lange Zuspiele auf die einzige Sturmspitze Aristide Bancé. Und der große Blondierte mit den bunten Schuhen macht das richtig gut, behauptet den Ball oft gegen zwei, drei Gegenspieler, legt mal auf und mal ab. Doch insgesamt fühlte der semigefrorene Zuschauer sich an die Bergpredigt erinnert: Eher geht ein Kamel durch das Nadelöhr als der Ball ins Tor. Symptomatisch für den pomadigen Auftritt der Hoffenheimer die Leistung von Kapitän Sejad Salihovic: Der Ex-Freistoßkünstler schafft es, einen solchen Standard direkt zum Gegner zu spielen und damit einen Konter einzuleiten. Ansonsten trabt der Bosnier mehr, als dass er läuft, zwischen den Strafraumboxen hin und her. Die 30.150 Zuschauer gewinnen zwar nach dem Wiederanpfiff des tadellosen Schiedsrichters Florian Meyer den Eindruck, als gehe endlich ein Ruck durch die einheimischen Reihen. Sicher hat Trainer Ralf Rangnick seinen Spielern in der Kabine einen neuen Schlachtplan verordnet. Denn ein „Weiter so!“ hätte kaum für den vollmundig prohezeiten Heimsieg gereicht. Doch wie sagte einst Generalfeldmarschall Helmut Graf von Moltke?: „Kein Schlachtplan überlebt die erste Feindberührung.“ Und so kommt es auch. Aristide Bancé, die schnelle Lok auf zwei Beinen, markiert den Unterschied und das Tor Mitten in das auflodernde Hoffenheimer Strohfeuer platzt eben diese spielentscheidende Feindberühung. Einen Befreiungsschlag von Elin Soto verarbeitet Sturm-Alleinikow Aristide Bancé gewohnt ballgewandt. Der 25jährige Nationalspieler von Burkina Faso, aufgewachsen in der Elfenbeinküste, schüttelt die Innenverteidiger Josip Simunic und Marvin Compper am Mittelkreis ab wie zwei lästige Bremsklötze. Die schnelle Lok auf zwei Beinen rast unaufhaltsam und schnurgerade wie auf einer ICE-Trasse auf den Hoffenheimer Bahnhof zu. 20 Meter vor dem Tor zieht der elegante Modellathlet, der in Afrika schon Tornetze zum Zerreißen gebracht hat, fulminant ab. Allerdings nicht so platziert, dass Hoffenheims Keeper Timo Hildebrand die Mittelstreckenrakete nicht hätte entschärfen können. Der von den 3.000 Mainzer Fans im rotweißen Gästeblock frenetisch gefeierte Aristide Bancé „wusste“ im Interview nach dem Spiel, „dass die Hoffenheimer Abwehr etwas langsam ist“ und nutzte dies mit seinem wuchtigen Antritt gnadenlos aus. TSG-Trainer Rangnick schickt zwar noch die frischen Aushilfskräfte Prince Tagoe, Kai Herdling und Boris Vukcevic auf den Rasen. Doch so richtig brenzlig wird es nicht mehr für die Mainzer Abwehr um den souveränen Cheforganisator, Haudegen und Kapitän Nikolce Noveski. Es ist bezeichnend, dass FSV-Torwart Heinz Müller sich kein einziges Mal während der gesamten 90 Minuten wirklich auszeichnen konnte. Wohltuend, dass Ralf Rangnick die Leistung seiner Mannschaft nicht schön-, sondern Klartext redete: „Die erste Hälfte war richtig schlecht. Zur Halbzeit war es ein Remis ohne Unterhaltungswert. Die ersten 20 Minuten der zweiten Hälfte waren wir mutiger, haben früher attackiert. In unsere Drangphase hinein lassen wir uns übertölpeln. Danach war mir klar, dass es schwer wird.“ Der Mainzer Trainer Thomas Tuchel musste – siehe Bergpredigt – sein Mainzer Licht nicht unter den Scheffel stellen: „Wir waren sehr fokussiert und konzentriert bei unseren Aufgaben, hatten auch die nötige Ruhe am Ball.“ Und vor allem hatten sie mit Aristide Bancé den Schlüsselspieler für den zweiten Auswärtssieg in dieser Saison.

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